Auseinandersetzung mit Pegida:"Wir brauchen mehr Streit"

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Gegendemonstranten der Mügida-Demo am Sendlinger Tor. Professor Reder sagt, dass Gegendemos wichtig sind, aber entscheidender sei etwas anderes. (Foto: Florian Peljak)
  • Michael Reder findet Pegida schwierig, aber die Auswirkungen der Bewegung gut.
  • Der Professor hat den einzigen Lehrstuhl für Völkerverständigung in Deutschland inne.
  • Im Interview mit der SZ erklärt er, warum es wichtig ist, dass nicht nur im Stillen gedacht wird und dass etwas anderes entscheidender ist als Gegendemos.

Von Bernd Kastner, München

Michael Reder hat den einzigen Lehrstuhl für Völkerverständigung in Deutschland inne, er lehrt an der Hochschule für Philosophie in München. Seinen jüngsten Jahresbericht hat er überschrieben mit: "Dialog als Muttersprache der Menschheit".

SZ: Herr Reder, sind Sie froh, dass die Pegida-Anhänger auf die Straße gehen?

Michael Reder: Wir brauchen mehr Streit in Demokratien. Ich bin nicht froh über die Positionen, die Pegida vertritt. Aber sie sind ein Zeichen dafür, dass wir uns auseinandersetzen. Es braucht Streit und Abgrenzung von genau diesen problematischen Positionen, damit Demokratie vital ist.

Die Pegida-Demonstrationen sind also ein Zeichen der Vitalität?

Ja, weil sich da eine Gruppierung äußert, die meint, sich unwohl zu fühlen, die sich sehr undifferenziert, teils antiplural und antidemokratisch äußert. Ich finde es wichtig, dass dies nicht nur im Stillen gedacht wird. Denn dann wird es problematisch, dann eskaliert die Situation irgendwann. Was wir brauchen, ist eine klare Auseinandersetzung, etwa über den Islam und die Positionen von Pegida. Wenn die sagen, dass der Islam generell gewaltanfällig ist, kann man das sehr deutlich widerlegen. Der Islam ist sehr differenziert, und der Großteil der Muslime will ein friedliches Zusammenleben. In der Auseinandersetzung mit Pegida kann man genau so für ein Verständnis des Islam werben.

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Pegida will am Montag in Gedenken an die Opfer von Paris mit Trauerflor marschieren. Justizminister Maas und CSU-Chef Horst Seehofer fordern die Initiatoren auf, ihren Demo abzusagen. Widerspricht das nicht auch der Meinungsfreiheit?

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Ja, aber nicht in dem Sinne, dass wir Verständnis für diese Pegida-Positionen haben sollten. Entsprechende Äußerungen von Politikern halte ich für problematisch. Wir brauchen kein Verständnis für Leute, die antidemokratisch sind oder ein Bild vom Islam zeichnen, das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Professor Michael Reder, 40, lehrt seit 2012 Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Völkerverständigung an der Hochschule der Jesuiten. (Foto: Oh)

Antidemokratisch? Pegida sagt doch: "Wir sind das Volk."

Der Slogan ist intelligent gewählt, auch der Montagabend. Aber der Großteil der Menschen in Deutschland fühlt sich wohl mit unserer Demokratie.

Zehntausende fühlen sich gar nicht mehr wohl in diesem Deutschland. Muss man die nicht ernst nehmen?

Ich nehme sie ernst in dem Sinne, dass wir eine intensivere Diskussionskultur brauchen. In den letzten Jahren haben wir uns viele Gedanken gemacht über Konsens, die große Koalition ist ein Ausdruck davon. Dabei sind die Menschen an den politischen Rändern verloren gegangen. Pegida zeigt, dass wir mehr Streit brauchen. Was nicht heißt, dass wir ausgrenzen oder diskriminieren dürfen. Aber es braucht eine klare Abgrenzung. Eine Demokratie lebt von unterschiedlichen Positionen.

Streit haben wir jetzt.

Ich habe gerade erst mit meinen Studierenden darüber gesprochen und festgestellt, dass wir noch nie ein Weihnachtsfest hatten, bei dem wir in der Familie und mit Freunden so viel über Politik und Demokratie diskutiert haben wie jetzt. So schwierig ich Pegida finde, so gut finde ich die Auswirkungen: Das Gespräch darüber, wie Menschen unterschiedlicher Weltanschauung zusammenleben wollen.

Sogar die Kanzlerin hat sich klar positioniert - gegen Pegida.

Ihre Worte kamen leider sehr spät. Ich wünsche mir von allen Politikern klarere Worte. Auch mehr Mut, um für Differenzierung zu werben. Gerade beim Islam aber schüren Politiker immer wieder Vorurteile mit undifferenzierten Äußerungen.

Pegida sieht sich bestätigt: Schaut nach Paris, so gefährlich ist er, der Islam.

Gewalt spricht gegen den Kern einer Religion, gegen den Gedanken eines liebenden Gottes. Die Täter instrumentalisieren religiöses Vokabular, aber sie spiegeln nicht den Großteil dieser Religionsgemeinschaft. Die hat ein sehr friedvolles Verständnis.

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Verstehen Sie, dass Menschen Angst haben, wenn sie die Bilder aus Paris sehen?

Ich verstehe diese Angst. So ein Anschlag zielt auf den Kern unserer demokratischen Gesellschaft. Aber die Anzahl der terroristischen Akte ist so gering im Vergleich zu anderen Risiken, die wir täglich in Kauf nehmen, dass hier etwas überspannt wird. Und es ist die falsche Antwort auf diesen Terror, Menschen auszugrenzen, Flüchtlinge zu stigmatisieren als Islamisten. Ausgerechnet jene Menschen, die vor islamistischem Terror geflohen sind.

Wie sinnvoll ist es, Pegida einfach in eine Ecke zu stellen und deren Forderungen zurückzuweisen?

Natürlich sind symbolhafte Gegendemonstrationen wichtig, es ist ein klares Zeichen, das Licht am Kölner Dom auszumachen. Aber für das Entscheidende halte ich die Etablierung einer Willkommenskultur. Wir müssen deutlich machen, dass uns unsere demokratischen Werte sehr viel wert sind, dazu gehört das Asylrecht. Menschen, die verfolgt sind und Leid erfahren haben, sind bei uns willkommen. Das ist das stärkste Symbol gegen Ausgrenzung.

© SZ vom 10.01.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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