Paris:Die Klima-Welt aus Forschersicht

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Hans Joachim Schellnhuber, Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. Verlag C. Bertelsmann 2015, 778 Seiten, 29,99 Euro. Als E-Book: 23,99 Euro. (Foto: C. Bertelsmann; Random House)

Hans Joachim Schellnhuber hat passend zum Abkommen von 195 Staaten eine voluminöse Bilanz vorgelegt.

Von Felix Ekardt

Punktgenau zur Pariser Klimakonferenz hat der bekannte Klimanaturwissenschaftler Hans Joachim Schellnhuber seine voluminöse Bilanz von Klimaforschung und Klimaschutz veröffentlicht. Ein Sachbuch, das der Verlag als "ganz große Geschichte" und "literarisches Meisterstück" ankündigt, macht neugierig, legt die Latte aber ziemlich hoch. Und in der Tat ist das Buch eher keine Geschichte oder gar schöngeistige Literatur, sondern der nüchterne Bericht eines Forschers.

Schellnhuber breitet sein riesiges Fachwissen über den Klimawandel und dessen Folgen, mitunter aber auch über andere Aspekte wie etwa die sozio-ökonomischen Ursachen des zweifelhaften Umgangs mit diesem Problem, für ein breiteres Publikum aus. Das über zwei Jahrhunderte reichende schrittweise Erkennen des Problems findet sich ebenso sorgfältig beleuchtet wie der neueste Forschungsstand zu Klimawandelfolgen für Ökosysteme und Menschheit. Auch die generelle Geschichte des - oft fatalen - menschlichen Umgangs mit Umweltproblemen und die Wirtschafts- und Technikgeschichte der Industrialisierung sowie des Einstiegs in die fossilen Brennstoffe als Hauptfaktor des Klimawandels werden kenntnisreich erörtert.

Anders als viele Naturwissenschaftler bemerkt Schellnhuber, dass ein im realen Handeln - jenseits leicht wolkiger Paris-Proklamationen - stockender Klimaschutz nicht allein aus Wissenslücken oder Egoismus in Politik, Unternehmen und Bürgerschaft zu erklären ist. Vielmehr strauchelt ein unsichtbares, leicht zu verdrängendes, der menschlichen Bequemlichkeit zuwiderlaufendes globales Problem auch an der menschlichen Psyche. Die Klimawandelfolgen sind eben raumzeitlich weit entfernt, wenn man sich ins Auto zur täglichen Fahrt zur Arbeit setzt. Dass dabei auch menschliche Normalitätsvorstellungen eine Rolle spielen, erwähnt Schellnhuber nicht. Und es fehlt die essenzielle Reflexion des eigenen Konsumverhaltens, etwa der diversen im Buch berichteten Flugreisen. Hier hätte Schellnhuber sehen können, dass die große Nachhaltigkeitswende selbst für ihre Protagonisten doch etwas schwieriger werden könnte als gedacht.

Optimistisch erscheint Schellnhubers Vorstellung, der Forschungsprozess und seine Akteure seien quasi naturwüchsig objektiv und unbestechlich. Umgekehrt ist die Moral nicht in dem Maße subjektiv und irrational beliebig wählbar, wie Schellnhuber im Kielwasser des naturwissenschaftlichen Weltbildes seit der Aufklärung unterstellt. Man kann ziemlich streng moralisch und rechtlich begründen, dass die Politik nicht nach Belieben das freiheitlich-demokratische System durch Erosion seiner physischen (Klima-)Grundlage einstürzen lassen darf. Treffend erwähnt Schellnhuber, dass man den optimalen Klimazustand nicht durch Monetarisierung aller Aspekte ausrechnen kann. Unberechtigt ist jedoch seine Kritik an den Ökonomen dort, wo er den - unvermeidlichen - Gedanken des Abwägens zwischen verschiedenen menschlichen Zielen total zurückweist.

Gerade die wachstumsbegeisterte Angela Merkel wird von der Politikerschelte ausgenommen

Eigenwillig erscheint, dass Schellnhuber gerade die wachstumsbegeisterte Angela Merkel von seiner ständigen Politikerschelte ausnimmt. Schließlich ist Deutschland von den Pro-Kopf-Emissionen her alles andere als ein Klimavorreiter. Und auch die angeblichen Emissionsreduktionen seit 1990 sind in Wahrheit eher Emissionsverlagerungen, weil unsere Konsumgüter eben zunehmend aus den Schwellenländern stammen. Trotz aller technischen Alternativen zu Kohle und Öl könnte darum außer Technik auch ein genügsamerer Lebensstil nötig sein.

Wesentlich deutlicher hätte Schellnhuber den bei der Buchveröffentlichung schon erkennbaren Trend im globalen Klimaschutz bis hin zu Paris kritisieren können. Konkret darf nach dem Paris-Abkommen jeder Staat ja freiwillig seine Emissionsziele festlegen. Die vor Paris eingereichten beabsichtigten nationalen Emissionsminderungen sind bei Weitem zu unambitioniert, und jetzt ist mit dem Abkommen sogar unklar, ob sie überhaupt verbindlich sind. Auch eine klare Ausstiegsverpflichtung aus den fossilen Brennstoffen wird keineswegs festgeschrieben.

Die bei aller Höflichkeit immer wieder aufscheinende Selbstgewissheit Schellnhubers ist oft unterhaltsam, teils aber auch eigenwillig. Das Bezeichnen von Griechenland als "marginale Volkswirtschaft in Südosteuropa" provoziert die Nachfrage, ob die globale Relevanz des Euro und die Stabilität der EU wirklich so vernachlässigbar sind. Auch wenn der Leser konstant auf die vielen wichtigen Bekannten Schellnhubers vom Papst bis zu Dennis Meadows hingewiesen wird, schärft das eher den Blick auf manche nicht so stimmigen Details. So werden Begriffe manchmal falsch ins Deutsche übersetzt, auch Diesseits-Jenseits-Metaphoriken geraten schief. Und wer sich selbst "tiefe" Gedanken attestiert, provoziert auch weniger konziliante Nachfragen wie die, warum in seiner Geschichte der Brennstoffe der Faktor Protestantismus fehlt, ohne den der Aufstieg des frühen Kapitalismus wohl kaum erklärbar wäre.

Inhaltlich hätten mehr Kürze, eine klare Gliederung und ein klares Abhandeln der wesentlichen Argumente, die trotz aller Breite mitunter fehlen, dem Buch gutgetan. Manche Weitschweifigkeit bis hin zu Erkenntnissen über den "männlichen" Namen Zoltan hätte verlustfrei entfallen können, ebenso wie Kommentare über das Aussehen von Frauen. Trotz aller Desiderate wünscht man dem Buch viele Leser. Thema und Autor haben es mehr als verdient - auch noch mit größerem zeitlichen Abstand zum medialen Großereignis Paris-Konferenz.

Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und lehrt an der Uni Rostock.

© SZ vom 15.12.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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