Verkehr und Natur:Modellwald an der Umfahrung

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Dass Straßenbau Natur zerstört, ist unbestritten. In Weßling sind die Ausgleichsmaßnahmen aber so umfangreich, dass eine neue Eichenallee entstanden ist

Von Wolfgang Prochaska, Weßling

Es klingt paradox: Aber beim Straßenbau wird der Naturschutz immer größer geschrieben. Bestes Beispiel ist die Weßlinger Umfahrung, die seit November letzten Jahres fertiggestellt ist. Die Straße durchschneidet ein landschaftlich wertvolles Gebiet unter anderem mit seltenen Amphibien- und Fledermausarten. Deshalb stecken 25 Prozent der etwa zwölf Millionen Euro Baukosten im Umweltschutz. Ein extrem hoher Anteil.

Nach den Erfahrungen von Christian Probst vom Staatlichen Bauamt Weilheim wird sich dieser Trend aber weiter verstärken, da die Auflagen immer strenger werden. Bei einem Pressetermin an der Umfahrung zeigte Probst zusammen mit Vertreterinnen der Landschaftsplanung, dem Weßlinger Bürgermeister Michael Muther und Förster Florian Mergler, welche landschaftspflegerischen Arbeiten notwendig waren, um den umfangreichen Auflagen zu genügen. Einen Rekord kann die Umfahrungsstrecke auf jeden Fall für sich verbuchen: Auf einer Länge von zwei Kilometern wurden 42 Amphibien-Durchlässe verbaut. Diese sollen es ermöglichen, dass Kammmolch, Springfrosch und Erdkröte unbeschadet zu ihren Laichgebieten auf der anderen Straßenseite kommen. Schon vor Baubeginn hatte man einen Zaun aufgestellt und ein beauftragtes Biologenteam hatte an 200 Tagen die Tiere eingesammelt und sie über die Trasse getragen. Mehr als 20 000 Exemplare kamen bislang pro Jahr zusammen, berichtete Stephanie Brundke vom Bauamt. Dazu legte man noch vier natürliche Laichgewässer an, ohne störende Folie. "Wir haben die vorhandene Lehmschicht benutzt", erläuterte Brundke. Dies war aber erst der Anfang.

Christian Probst (v.l.), Bürgermeister Michael Muther, Stephanie Brundke, Marika Hoyer und Förster Florian Mergler pflanzen die jungen Eichen. (Foto: Nila Thiel)

Denn für die Fledermäuse, den Hirschkäfer und die Zauneidechse - alles in diesem Gebiet um die Dellinger Höhe und das Schluifelder Moos lebende Arten - mussten ebenfalls neue Möglichkeiten geschaffen werden, um die Population zu erhalten. Für die gut 150 Eidechsen wurde ein 3000 Quadratmeter großes Habitat angelegt; die Fledermäuse erhielten 15 Kästen als neues Quartier sowie Überflughilfen, um Kollisionen mit dem Verkehr zu vermeiden, während für die Hirschkäfer sogenannte Meiler am Südrand des Dellinger Buchet angelegt wurden. Das sind aufgeschichtete Eichenstämme, die aussehen wie alte Holzlagerplätze.

Für Kröten gibt es einen Durchlass an der Umfahrung. (Foto: Bauamt)

Selbst die Gemeinde Weßling gewann durch den Straßenbau ein Stück Natur. Zwar ist unbestritten ist, dass Straßenbau Landschaft zerstört, aber durch die Umfahrung erhielt Weßling einen Eichenwald mit Modellcharakter, wie Förster Florian Mergler meinte. Auf einem 3,8 Hektar großen Grundstück gleich neben der Bahnbrücke sind junge Eichen gesetzt worden und das so umfangreich wie selten in Bayern. Zwar wird die Weßlinger Eichenallee erst in 20 Jahren der Seefelder Konkurrenz machen, da die gepflanzten Bäume noch recht klein sind, aber Bürgermeister Muther freute sich schon jetzt. Überhaupt hat das Weilheimer Bauamt darauf geachtet, nur heimische Gewächse zu pflanzen. Dazu gehört auch die Elsbeere, die eigentlich im wärmeren Franken vermehrt vorkommt, aber zur Überraschung von Förster Mergler wurden alte Elsbeere-Bestände auch im Fünfseenland entdeckt.

Damit sind allerdings die Aufgaben für alle noch nicht erledigt. Um zu sehen, ob all die neuen Habitate wirklich von den Tieren angenommen werden, wird es Akzeptanz-Kontrollen geben. "Wir beobachten genau, ob die Lurche die Durchlässe wirklich nutzen", informierte Marita Hoyer vom Staatlichen Bauamt. Probleme hat es bei den Durchlässen schon gegeben. Einer steht unter Wasser, sodass die Amphibien diesen Durchgang meiden. Ein Rücklaufbecken soll Abhilfe schaffen. Zudem machen Kalkausfällungen das Wasser zu alkalisch. Ob sich der Kalkschlamm ausschwemmt, und sich damit das Problem von selber löst oder man eine andere Lösung braucht, wird sich zeigen. Die Biologen wollen die Sache weiter beobachten.

Günstig sind die Ausgleichsmaßnahmen nicht immer gewesen. Die Anpflanzung der jungen Eichen kostete 66 000 Euro, das Anlegen der vier Laichgewässer kommt auf etwa 150 000 Euro, wie Christian Probst berichtete. Das sei schon relativ teuer.

© SZ vom 12.05.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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