Schimpfwort in Großbritannien:Sie nennen sie Kochschinken

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Diese englischen Patrioten sind fast ein bisschen zu jung, um als "Gammon" bezeichnet zu werden. (Foto: dpa)
  • In sozialen Medien Großbritanniens kursiert ein neues Schimpfwort: "Gammon", auf deutsch Kochschinken.
  • Damit werden vorwiegend ältere, weiße Engländer bezeichnet, die sich für den Brexit aussprechen.
  • Der Urheber bedauert seine Wortschöpfung inzwischen.

Von Alexander Menden, London

Eine der englischsten aller Sonntagstraditionen ist der Besuch einer Carvery. Bei diesen Fleischbuffets kann der Gast sich mittags zum Festpreis beliebig viele dicke Bratenscheiben auf den Teller säbeln lassen. Meist ist auch ein gepökelter Kochschinken namens Gammon im Angebot. Der Gammon (abgeleitet vom französischen jambon) gilt unter Gourmets schon lange als Spießerschmaus, ist also nicht besonders hip. Jetzt ist er zur Waffe in der britischen Debatte über Links- und Rechtspopulismus, Brexit und politische Korrektheit umfunktioniert worden.

Seit einiger Zeit kursiert in sozialen Netzwerken in Großbritannien der Begriff "Gammon" als Bezeichnung für eine bestimmte Sorte älterer, weißer, männlicher Engländer. Sie sind ausgesprochene Patrioten, für den EU-Ausstieg, gegen Immigration, tendenziell Rassisten und weisen aufgrund ihres hohen Blutdrucks und einer Neigung zu Tiraden einen saftigen rosa, eben: schinkenfarbenen Teint auf. Kurz: "Gammon" steht für verschwitzte, reaktionäre Bürgerlichkeit. Es gibt Memes schinkengesichtiger Männer, die sich in TV-Debatten aus dem Publikum mit ebenso uninformierten wie meinungsstarken Wortmeldungen bemerkbar gemacht haben. Es gibt einen Twitter-Account, der "Gammon-Punkte" für fremden- und allgemein menschenfeindliche Äußerungen anderer Twitternutzer vergibt. Und es gibt unzählige Online-Streitereien, in denen jene, die sich als Kochschinken verunglimpft fühlen, den Begriff für rassistisch erklären, weil er sich auf ihre Hautfarbe beziehe.

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Zum Erfinder des Begriffs "Gammon" hat sich jetzt der Autor Ben Davis im Independent erklärt. Er twitterte nach der Parlamentswahl im vergangenen Jahr, bei der Labour überraschend gut abgeschnitten hatte: "Hoffentlich hören die Politiker jetzt mal auf die jungen Leute. Diese große Wand aus Kochschinken hat lange genug ihren Willen gehabt." Mittlerweile bedauert Davis, das Wort in Umlauf gebracht zu haben. Er hält es zwar nicht für rassistisch, es werde aber in "Twitters nie endendem Kulturkrieg" gegen Menschen aus der Arbeiterschicht verwendet - dabei hätten ihm eher "Golfklub-Typen" vorgeschwebt.

Allzu große Vorwürfe muss sich Ben Davis nicht machen, denn der erste, der "Gammon" in diesem Kontext verwendete, war nicht er, sondern Charles Dickens im Jahre 1838: Im 16. Kapitel von "Nicholas Nickleby" steht, die Haltung des hurrapatriotischen Parlamentsabgeordneten Mr. Gregsbury - eines "zähen, untersetzten, dickschädeligen" Mannes - habe eine zu starke "Gammon-Tendenz". Bisher hat aber selbst die Assoziation mit Dickens die Gammons unserer Tage nicht mit der Bezeichnung versöhnt.

© SZ vom 18.05.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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