"Große Landstadt Fichtelgebirge":Bayerns viertgrößte Stadt - aus dem Nichts

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  • Im Fichtelgebirge im Nordosten Bayerns gibt es viele kleine Gemeinden, verteilt auf vier Landkreise. Große Konzepte für Bildung oder Nahverkehr lassen sich nur schwer umsetzen.
  • Ein Stadtrat aus dem oberfränkischen Wunsiedel hat eine Vision: 42 Kommunen sollen zu einer Stadt mit 160 000 Einwohnern zusammengefasst werden.
  • Zu diesem Zweck hat der Mann eine überparteiliche Wählervereinigung gegründet, die bereits 2020 bei der Kommunalwahl antreten könnte.

Von Olaf Przybilla, Wunsiedel

Matthias Popp hat sich öfters schon schräg anschauen lassen müssen. Seine Vision klingt ja auch erst mal ambitioniert, mindestens ambitioniert. Wenn es dem CSU-Stadtrat aus Wunsiedel gelänge, seine Idee umzusetzen, dann würde sich an der Rangliste der größten Städte Bayerns auf den ersten drei Plätzen nichts ändern: München, Nürnberg, Augsburg. Danach aber ginge es weiter mit der Großen Landstadt Fichtelgebirge. Erst dahinter kämen Regensburg, Ingolstadt, Würzburg.

Vor einem Jahr hat Popp, Professor für Energietechnik an der Technischen Hochschule Nürnberg, seine Pläne erstmals erwähnt, die Resonanz war zurückhaltend. Viele glaubten an ein Strohfeuer, von dem bald keiner mehr reden würde. Aber Popp hat weitergearbeitet an seiner Vision. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, so dürften die etablierten Parteien dem kommenden Freitag mit leichten Bauchschmerzen entgegensehen. Dann stellt Popp eine überparteiliche Wählervereinigung vor, die nach seinem Willen bereits bei der Kommunalwahl 2020 antreten soll. "Für diese Vereinigung sollen alle jene Bürger stimmen können, die ebenfalls anstreben, die kommunalen Belange von 42 Fichtelgebirgsortschaften mit den Wirkmöglichkeiten einer Großstadt zu verfolgen", erklärt Popp.

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Dass die Vereinigung "Große Landstadt Fichtelgebirge e. V." im Jahr 2020 bereits auf den Listen möglichst vieler der 42 in Frage kommenden Fichtelgebirgskommunen antreten kann, ist das erste Ziel Popps. Fernziel aber ist ein Oberbürgermeister für alle der 42 Ortschaften. Der wäre dann Oberhaupt der viertgrößten Stadt Bayerns mit insgesamt 160 000 Einwohnern.

Die Kleinteiligkeit des Fichtelgebirges - verteilt auf vier Landkreise - sehen Popp und seine Mitstreiter als grundsätzliches Problem der Region. In der Gegend rund um den Ochsenkopf überwiegen Orte mit weniger als 10 000 Einwohnern, eine Kommune von überregionaler Bedeutung ist schwer erkennbar.

Popp will aus der CSU-Fraktion austreten, nicht aber aus der CSU

Jeder der einzelnen Orte verfolge naturgemäß spezifische Interessen, sagt Popp. Angelegenheiten von überregionaler Bedeutung dagegen - Bildungsangebote von Hochschulen, medizinische Versorgung, Verkehrsinfrastruktur, Regionalverkehrskonzepte - drohten in so einer kleinteiligen Struktur "gar nicht oder nur aus einer rein ortsbezogenen Interessenlage" heraus wahrgenommen zu werden. Der "diffusen Masse" vieler kleiner Kommunen fehle schlicht die Bündelung überregionaler Interessen. Und so fühlten sich viele Ortschaften "eher als Opfer denn als Profiteure", wenn sie von größeren Infrastrukturprojekten betroffen seien.

Nach außen biete man keinen umfassend legitimierten und zuständigen Ansprechpartner - nach innen wiederum finde sich niemand, der um eine "ganzheitlich optimale Lösung" ringe. Vielmehr konkurrierten die Orte untereinander und vermittelten dies auch so nach außen. Die Finanzschwäche der Fichtelgebirgskommunen - Wunsiedel etwa - dürfte "in hohem Maße eine Folge dieser strukturell begründeten Nachteile sein", ist sich Popp sicher.

Aus der CSU-Fraktion im Wunsiedler Stadtrat will Popp demnächst austreten, schließlich wird er 2020 auf einer konkurrierenden Liste antreten. Aus der Partei aber will Popp nicht austreten. Im Gegenteil hofft er, dass sein Projekt auch in den etablierten Parteien ankomme und man gemeinsam daran arbeite. Größere Sympathiebekundungen von Bürgermeistern aus der Region sind bisher aber nicht bekannt. Da überwiege, räumt der Stadtrat ein, weiter die Skepsis. Dafür höre er oft: "Du hast ja recht mit deinen Thesen, aber das hätte man vor 50 Jahren machen müssen." Popp dagegen glaube: besser spät als nie.

© SZ vom 24.01.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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