Alben der Woche:Beichte aus dem Jenseits

Leonard Cohens Sohn vollendet Songs seines Vaters. Coldplay machen Huhuuu-Hymnen mit dem Gummihammer und Robbie Williams schunkelt unterm Weihnachtsbaum - mit Helene Fischer.

"Hyperspace" (Capitol)

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(Foto: AP)

Beck und Pharrell Williams: Etwas Cooleres und Aufregenderes hätte man sich vor 25 Jahren wahrscheinlich nicht vorstellen können. Aber wie kann es im Jahr 2019 noch klingen, beide walten schließlich längst im Zentrum des Mainstream-Pop? Kurzum: Die Songs auf "Hyperspace" (Capitol), Becks 14. Album, kann man vielleicht am besten als Ambient-Trap-Balladen beschreiben: immer noch melodiös und sehr poppig. Aber auch irgendwie vernebelt und schläfrig. "Uneventful days, uneventful nights / Living in the dark, waiting for the light / Time is moving slow, I don't even mind", singt Beck mit leicht Auto-Tune-verzerrter Stimme in der Single "Uneventful Days". Nichts passiert, am Tag und in der Nacht. Und dass die Zeit dabei so zäh dahinfließt, stört ihn nicht mal besonders.

Omar Souleyman - "Shlon" (Mad Decent)

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(Foto: Mad Decent)

Auch zehn Jahre nach dem Herüberschwappen von Omar Souleymans syrisch-kurdischer Techno-Dabke-Hochzeitsmusik in die Kanäle westlicher Hipness bleibt der Mann ein Faszinosum. Das liegt natürlich daran, dass man als westlicher Pop-Hörer, der weder des Arabischen noch kurdischer Sprachen mächtig ist, von den Texten nichts versteht. In der Presse-Information zum neuen, auf Diplos Label Mad Decent erscheinenden Album "Shlon" steht, der Titel bedeute "welche Farbe" und im gleichnamigen Track schwärme Souleyman - der schon länger nicht mehr in Syrien, sondern in der Türkei lebt - von einer faszinierenden Frau, deren Kuss zehn Millionen andere Küsse wert sei. Im Track "Layle" besinge er die Lippen einer Frau, die so süß seien wie Datteln aus der Stadt Hillah im Irak. Wie sanft und poetisch! Im Kontrast dazu steht, zumindest für westliche Ohren, dieser im Affenzahn heruntergespielte, trashige Rave-Tröten-Sound. Souleymans treuer Keyboarder Hasan Alo hat ihn wieder kunstvoll aus seiner Korg-PA800-Alleinunterhalter-Orgel gefingert. Das klingt so: Zwei Takte lang Souleymans herbes Liebesgebell, zwei Takte lang Alos irisierendes Viertelton-Gewusel, und so im Wechsel immer weiter. Gerne wüsste man, inwiefern die Melodien auf die Lyrik antworten, sie kommentieren, oder andersherum? Dazu müsste man sich in Sprache und Kultur vertiefen. Dazu fehlt natürlich die Zeit. Weswegen man nur mal wieder, wie schon bei den vorigen Alben, sagen kann: Wow, knallt gut!

Robbie Williams - The Christmas Present (Sony Music)

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(Foto: 2019 Robert Williams / Farrell M)

Robbie Williams hat ein Weihnachtsalbum gemacht. Genauer: drei Weihnachtsalben in einem. "The Christmas Present" besteht aus 27 Songs. Die ersten zehn sind Swing-Stücke, Big Band, von schmissig bis leise. Aber offenbar traut er seinem Programm nicht, deshalb kommen gleich noch 17 weitere Stücke hinterher. Die lassen sich grob aufteilen in Robbie-Pop und Einmal-quer-durch-den-Gemüsegarten. Macht drei Alben, zwei ganz ordentliche, ein unnötiges. "Time For Change" könnte eine alte Take That-Nummer sein. "New Year's Day" ist epischer Stadion-Pop, Robbie ca. 1999. "Bad Sharon" erinnert an die Beatles, "Soul Transmission" ist klebriges Synthi-Zeug. Als letztes Päckchen unter dem Baum dann noch die Kool & The Gang-Kopie "Merry Kissmas". Hinzu kommen die Pakete von den Verwandten: Onkel Rod (Stewart) singt mit, Onkel Bryan (Adams) schaut vorbei. Sogar Tante Helene (Fischer) schneit rein, sie singt mit Robbie das Swingstück "Santa Baby", und man will ja nicht miesepetrig sein, aber das Lied ist wirklich langweilig. Robbie Williams wollte auf Nummer sicher gehen und alle bedienen, die Sentimentalen, die Feierfreudigen, die Nostalgischen und die Champagnerlaunigen. Immerhin, das Album eignet sich gut als Basis eines Trinkspiels an Heiligabend: Jedes Mal, wenn Robbie das Wort "Christmas" singt, müssen alle einen Schluck Glühwein nehmen. "The Christmas Song", "Yeah! It's Christmas", "Best Christmas Ever", "One Last Christmas", "I Believe in Father Christmas" ... das kann ja heiter werden.

Till Lindemann

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(Foto: Vertigo Berlin)

Was bleibt übrig, wenn man von Rammstein nur Sänger Till Lindemann übrig lässt und ihm einen schwedischen Multiinstrumentalisten zur Seite stellt? Rammstein. Vor vier Jahren haben Till Lindemann und Peter Tägtgren schon mal ein Album gemacht, englische Texte, Bandname Lindemann. Jetzt gibt es ein zweites, es heißt "F & M", diesmal deutschen Texten. Und würde man Rammstein-Fans in einer Blindverkostung das neue Lied "Ich weiß es nicht" vorspielen - wie viele würden auf Anhieb erkennen, dass es kein Rammstein-Lied ist? Wuchtiger Stampf-Beat, harte Metal-Gitarren, eckige Synthi-Melodien, alles da. Auch der Aufbau: In der Strophe ächzt und flüstert Lindemann, dann der große Refrain, Synthis und Streicher, Lindemann schaltet um auf Hymnengesang, Pathos, Arme hoch, "Und ich lauf alleine immer weiter / und wenn es regnet, regnet es auf mich". In Liedern wie "Knebel" (ungewohnt: akustische Gitarre) liefert Lindemann seine Sadomaso-Raunereien, in "Allesfresser" kommen die Reime, die gefährlich klingen sollen, "Ich fresse alles in mich rein / doch es muss jung und knusprig sein". Lindemann eben. Eine Überraschung gibts immerhin: "Ach so gern" ist ein Tango, richtig schön, mit Liebe zum Detail. Vielleicht trauen sich Lindemann und Tägtgren bei nächsten Mal noch mehr Ausbrüche dieser Art.

Ben Lee - Quarter Century Classix (Rough Trade)

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(Foto: Pias/New West Records (Rough Tra)

Der australische Sänger und Songwriter Ben Lee saß im Januar für vier Tage in seinem Hotel in Chicago, draußen fieser Winter, er blieb drin, hörte die Musik seiner Jugend, die Indie-Helden der späten Achtziger und frühen Neunziger, und staunte: "Ich fand es merkwürdig, dass Indie-Rock aus irgendeinem Grund nie so kanonisiert wurde wie der Rock der Sechziger und Siebziger. Dabei waren Dinosaur Jr. meine Led Zeppelin, Sonic Youth meine Grateful Dead." Noch im Hotelzimmer fing er an, die Songs nachzuspielen und aufzunehmen. So entstand "Quarter Century Classix", eine Liebeserklärung in 13 Songs. Lee spielt "Blueprint" von Fugazi, "In The Mouth A Desert" von Pavement, "Speeding Motorcycle" vom gerade verstorbenen Daniel Johnston, Songs von Built To Spill, den Breeders und eben Dinosaur Jr. und Sonic Youth, meistens sanft und allein mit Gitarre, manchmal mit Streichquartett, immer aber mit der warmen Inbrunst eines Mannes, der sich an die prägenden Jahre seiner Jugend erinnert.

Deine Freunde - ""Helikopter"" (Sturmfreie Bude)

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(Foto: Sturmfreie Bude (Universal Music)

Vor Jahren haben wir hier auf das Debüt eines Hamburger Trios hingewiesen, das Hip-Hop für Kinder macht. Damals eine kleine Entdeckung, inzwischen haben Deine Freunde Tausende Fans. Mindestens. Und ein neues, fünftes Album. "Helikopter" funktioniert wieder wie Asterix und die Simpsons: jede Menge buntes Bumm-Zack für die Kleinen, und für die Großen Anspielungen und doppelbödige Witze. Die Musik zitiert Hip-Hop-Klassiker, Falco und Elektro-Pop, die Texte erinnern in ihrem Wortwitz an die frühen Fantastischen Vier, es geht um Klassenfotos, Aprilscherze und - bester Songtitel des Jahres - "Elternvertreterwahl in der Kita".

Leonard Cohen - "Thanks for the Dance" (Columbia)

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(Foto: Sony)

Drei Jahre nach dem Tod des Songwritergiganten kommt dieses Album mit neun übriggebliebenen Songs, die Leonard Cohens Sohn Adam eigenständig vollendet hat. Und wie immer bei solchen Projekten drängt sich die Frage auf: Muss diese Platte sein? Klare Antwort: Ja. Schon das erste Stück "Happens To The Heart" - eine tolle poetische Beichtstuhlszene, mit Piano, spanischer Gitarre und ein bisschen Orchester - hat das Zeug zum Klassiker. Wie immer bei Cohen ist nicht alles stilsicher, aber insgesamt ist "Thanks For The Dance" eine so wundervolle, gewitzte, existenziell düstere und heitere Platte, wie man sie sich zwischendurch jahrelang von ihm gewünscht hatte. Es soll wirklich die letzte bleiben - warten wir's ab.

Coldplay: "Everyday Life" (Parlophone)

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(Foto: AP)

Man rufe nun bitte, so mit etwas aufgesetzt guter Alltagslaune: "Hey Siralexa, spiel mal typischen balladesken Stadion-Pop, so Huhuuu-Hymnen mit dem Gummihammer, bisschen Piano-Geklimper, zart angequälter Männergesang und verwehte Kinderchöre und so!" Das rufe man. Und wenn dann von heute an nicht sofort das neue "Coldplay"-Album läuft, das auch noch den Titel "Everyday Life" trägt, dann stimmt wirklich etwas noch nicht mit dieser Künstlichen Intelligenz. Wenn sie noch nicht mal ihresgleichen erkennt.

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