SZ-Werkstatt:Anwaltserie live

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Johanna Bruckner ist von Stuttgart zunächst nach München und dann bald weiter nach New York gezogen. Von dort berichtet die Kommunikationswissenschaftlerin seit 2017 für die SZ, aktuell über den Weinstein-Prozess. (Foto: Hayley Hill)

Johanna Bruckner verfolgt für die SZ den Weinstein-Prozess in New York. Es geht um Vergewaltigung und auch darum, mit einer Gerichtsrealtität umzugehen, die manchmal die ,,Me Too"-Debatte in den Schatten stellt.

Von Johanna Bruckner

"Und, wie ist er so?", ist die Frage, die ich in den vergangenen Wochen am häufigsten zu hören bekommen habe. Gemeint ist: Harvey Weinstein, der sich seit dem 6. Januar in New York wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung verantworten muss. Im Verfahren geht es um zwei Frauen, insgesamt beschuldigen mehr als 80 Frauen den Ex-Filmmogul. Die Schauspielerin Salma Hayek hat Weinstein in einem Gastbeitrag für die New York Times ein "Monster" genannt.

Ich sitze seit den Eröffnungsplädoyers fast jeden Tag in einem Saal mit Weinstein, er vorne auf dem Platz des Angeklagten, ich hinten in den hölzernen Zuschauerreihen. Die Plätze sind begehrt, viele für Journalisten reserviert, und als der Prozess richtig losging, stand ich mit Kollegen ab 4.30 Uhr vor dem Gebäude, bei minus drei Grad. Als wir um acht reingelassen wurden, hatte ich eine Packung Einweg-Handwärmer verschlissen.

Vor einem guten Jahr stand ich schon mal in der Schlange vor einem Gericht, damals wurde in Brooklyn dem mexikanischen Drogenbaron "El Chapo" der Prozess gemacht. Für Außenstehende mag es aufregend klingen, prominenten Bösewichten ins Gesicht zu gucken. Tatsächlich starren wir Journalisten auf den Rücken von Harvey Weinstein und sind auf banale Dinge zurückgeworfen: Was vorne gesagt wird, ist oft sehr schlecht zu verstehen. Viele Zeugen sind es nicht gewohnt, in einem Saal mit meterhohen Decken zu sprechen. Die beiden Staatsanwältinnen und Weinsteins Verteidiger nutzen dagegen schon mal ihre ganze Stimmgewalt, wenn sie punkten wollen - in solchen Momenten ist es tatsächlich ein bisschen, als säße man in einer Folge einer amerikanischen Anwaltsserie.

Oft ist die Gerichtsrealität schwer zu ertragen, immer wieder setzten Weinsteins Anwälte im Kreuzverhör mutmaßlicher Opfer auf offenes Victim Blaming. In solchen Momenten hätte man meinen können, "Me Too" habe nie stattgefunden. Harvey Weinstein ist im Übrigen sehr gewöhnlich. Kein Monster, aber auch nicht der charismatische Filmmogul. Ein Angeklagter wie jeder andere. Vielleicht ist das für ihn schon die erste Strafe.

© SZ vom 15.02.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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